Dienstag, 5. Juli 2016

Souveränität...




… ist alles. Diese Erkenntnis habe ich in den letzten Monaten gewonnen. Ich habe mich sehr genau beobachtet, wenn ich allein bin, und sehr genau, wenn ich mit Anderen zusammen bin. Ich habe auch Andere beobachtet. Und nachgefragt. Und die Erkenntnis, die da in Ahnungen schon ganz lange in mir war, auf verschiedenen, sich überschneidenden Ebenen auch durchaus präsent, die habe ich nun zusammengeführt. Souveränität. Das ist der Schlüssel zum persönlichen Glück.
Die Kritiker und „Ja, aber“-Rufer werden nun sagen, dass das ja super klingt, solange wir keine Opfer von Gewalt betrachten. Das stimmt. Zumindest mal, wenn man den (meist) physischen Aspekt betrachtet. Ein Opfer von Gewalt wird Schwierigkeiten haben, sich souverän zu fühlen. Umgekehrt kann eben diese Souveränität ihm dabei helfen, sich über sein Schicksal zu erheben. Ich erinnere mich an den Bericht eines Vietnam-Soldaten, James Stockdale, der, weil er es immer bei sich trug, also auch in Gefangenschaft in seinem Philosophiebändchen las. Nach seiner Befreiung berichtete er, dass ihm dieses Buch geholfen habe, Gefangenschaft und Folter zu überstehen und dass umgekehrt seine Peiniger ihn mehrfach gefragt hätten, wie er eigentlich so sehr bei sich bleiben könne angesichts all dessen, was ihm zugefügt werde. Das mag jetzt nach einer netten, aber unglaubwürdigen Geschichte klingen. Ich denke, es stecken zumindest richtige Ansätze in ihr. Das Buch, das der Soldat da stets bei sich hatte, war übrigens das „Handbüchlein der Moral“ von Epiktet.
Mir fallen auch andere Beispiele ein, in denen sich Opfer über ihr Leid und damit ihre Peiniger erheben. Z.B. Malala oder auch andere Frauen, die von männlicher und/oder religiöser Gewalt betroffen waren, sie überstanden und nun öffentlich und – das ist ja das Frappierende – mit einem in sich ruhenden Lächeln ihren ehemaligen Folterknechten die Stirn bieten. Oder auch der Franzose Antoine Leiris, dessen Brief an die Attentäter von Paris nun auch in Buchform Furore macht. Das alles sind die Extrembeispiele, von denen ich eigentlich nicht spreche, die ihr Los überwunden und sich in unantastbare Höhen aufgeschwungen haben. Für solche Menschen empfinden wir Bewunderung, für die, die im wahrsten Sinne unter die Räder gekommen sind, Trauer oder, je nach Sachlage, auch Verständnis.
Souveränität also. Souveränität bedeutet für mich qua definitionem Eigenständigkeit, Unabhängigkeit. Ich möchte eigenständig und unabhängig sein. In meinen Handlungen und meinen Urteilen. Ich möchte nicht affiziert sein von ungebändigten Emotionen. Ungebändigte Emotionen verblenden den Geist. Das heißt wiederum nicht, dass ich nichts empfinden will, das ist kein Wert für mich, aber ich möchte nicht hin- und weggerissen sein von meinen Leidenschaften. Ich möchte klar denken können, jederzeit, und mich und meine Umwelt bewusst wahrnehmen. Genau deswegen käme es für mich z.B. auch nie in Frage, mich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken. Die Peinlichkeit mich vor Anderen so gehenzulassen ist das eine. Dass ich nicht die Kontrolle über meine Handlungen, Worte und Emotionen habe, das viel Gewichtigere.
Mich und meine Umwelt bewusst wahrzunehmen verlangt auch mich zu positionieren. Das kann man wie Elie Wiesels „one must always take sides“ interpretieren, das ich unbedingt unterschreiben möchte, oder auch so, dass ich nicht nur auf mich und meine Bedürfnisse achte. Ich lebe nicht allein für mich, ich lebe mit Anderen und in der Interaktion mit Anderen, jeder Anflug von Egoismus ist hier per se falsch, denn Egoismus ist im Umkehrschluss unvernünftig. Vernünftig ist, was gut für das Zusammenleben mit Anderen ist. Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Wer egoistisch handelt, verrät seine vernünftige Natur. Andersherum spricht nichts dagegen, bei mir zu sein, meine Mitte zu finden, mich unangetastet zu halten von äußeren Einflüssen, sofern sie meinem Gewissen widerstreben, und meinen Geist zu öffnen für das, was gut für mich und dann eben auch alle Anderen ist. Im Idealfall fällt das, was ich soll und will, das, was ich will und was für Andere ebenso zweckmäßig ist, sowieso zusammen.
Souveränität bedeutet auch, Partnerschaften anzustreben und aufzubauen. Ich meine hier sowohl die Beziehungen zu einem Geliebten als auch die zu Familie und Freunden. In letzter Zeit hatte ich das Gefühl, dass die meisten Menschen keine Partnerschaften führen können. Weil sie es gewohnt sind, dass jede menschliche Beziehung das Machtspiel spielt. Einer führt, einer gehorcht, manchmal auch im Wechsel. Wir werden so erzogen – ohne dass ich an dieser Stelle eine anarchische, antiautoritäre Alt-68er- bzw. Neu-2000er-Erziehung propagieren möchte, die in meinen Augen eben nur neue Generationen von Egoisten und Narzissten produziert, die eben nie oder doch zu selten die Grenzen anderer Individuen erfahren haben, denn Souveränität bedeutet eben auch, Grenzen aufzuzeigen und ggf. entschieden zu verteidigen. Nein, ich meine, dass wir es so erfahren, dass es Unterschiede gibt zwischen einem selbst und dem Gegenüber und dass man sich hier eine Rolle aneignet, die man dann spielt. Ich möchte solche Rollenspiele nicht mehr. Ich will keine Schutzräume mehr verteidigen, Grabenkämpfe führen, bittere Pyrrhussiege erringen, Territorien erobern und verlieren, mich stets neu beweisen und den Anderen dominieren oder dominiert werden. Ich möchte auf Augenhöhe agieren. Mit anderen, souveränen Individuen, die weder abhängig noch bedürftig sind. Der Satz „Ich brauche dich“, der ist fatal, meine ich. Es gibt wenig Schlimmeres, was ich zu hören oder zu sagen wüsste. Ich möchte nicht die Verantwortung für mein Glück in die Hände einer anderen Person legen und ich möchte auch nicht, dass mich ein Anderer in die Position wirft, für sein Glück verantwortlich zu sein. Souveränität an dieser Stelle bedeutet auch zu erkennen, dass man stets nur sich selbst vermag glücklich zu machen. „Ich will dich“ – nach vorhergehender Reflexion und natürlich nicht aus einer Laune heraus, klar – ist dagegen ein ganz wunderbares Kompliment, weil dieser Satz die freie Entscheidung eines unabhängigen Charakters wiedergibt. Wenn ich so etwas hörte, ich würde mich sehr freuen.
Ich glaube inzwischen, dass viel Unglück, das ich um mich herum sehe, ob das schlechte Laune, Streitereien, Stress etc. sind, aus eben genannter Abhängigkeit und Unsouveränität entspringt. Ich glaube das wirklich. Auf der anderen Seite empfinde ich die Menschen, die eben nicht sagen: „Ich brauche“, sondern „Ich will“ – und sich das dann eben entschieden und mit der gebotenen, sich ergebenden, zwangsläufigen Rücksichtnahme aneignen – als die zufriedensten. Schlussendlich kann ich immer nur aus mir selbst heraus mein Glück schöpfen. Und wer könnte besser wissen, was gut für mich ist, was ich will, als ich selbst?



Donnerstag, 14. April 2016

Eigentlich...

...sollte ich korrigieren und das mache ich auch gleich, aber im Moment bin ich an den Nachrichten hängengeblieben. Muss ja sagen, dass ich die Böhmermann- jetzt: Affäre völlig unterschätzt habe. Hatte das wohl von Anfang an mitbekommen, mir das Schmähgedicht, um das es nun geht, aber nicht durchgelesen. Muss ich auch nicht. Ich kenne Böhmermanns Satire und ich weiß, dass sie ätzend ist. Das kann man mögen oder auch nicht. Ich z.B. mag es nicht und insofern kann ich verstehen, dass sich ein Mensch, in diesem Falle der türkische Präsident, derart verunglimpft fühlt, dass er auch privat Strafanzeige stellt. Vielleicht würde ich das auch tun, wenn ich eine Person öffentlichen Interesses wäre und ich mich eben auch als Privatfrau bloßgestellt fühlte von so einem Fernsehfuzzi mit hässlichem Bart, wenn ich zu wenig Kaffee getrunken hätte oder meine persönliche Sklavin, äh, Sekretärin ihn einfach wieder mal nicht nach meinem Geschmack zubereitet hätte. Oder wenn mich die Deko meines 50qm großen Büros plötzlich störte und mir schlechte Laune bereitete. Das könnten alles so Gründe sein, warum ich mich entschließen würde, so einem Böhmermann einen richtigen Denkzettel zu verpassen. Das wäre menschlich und ich bin sicher, die zuständigen Gerichte würden dann schon rechtens und richtig entscheiden. Nun gibt es ja aber das Problem, dass nicht ich angegriffen wurde, die ich sicherlich streitbar, aber doch friedliebend, zwar schwerlich kompromissbereit, aber selten offen aggressiv, geschweige denn andere vernichtend bin (also, sag‘ ich jetzt mal so über mich, guten Gewissens). Nein, es wurde eben Erdogan angegriffen – und hier beginnt mein Bauchschmerz. Denn hier haben wir es meines Erachtens mit einem Politiker und Menschen zu tun, der über das gute und vertretbare Maß hinaus die Macht liebt, der keinen Zweifel an seiner Autorität zulassen kann, der Kritik so gar nicht verträgt, der territoriale (und in seiner Logik damit verbundene politische) Großmachtphantasien hegt und seiner Klientel verspricht und auf diesem Wege keine skeptische Betrachtung von außen gebrauchen kann. Ein Donald Trump des Ostens, finde ich, denn diese beiden Männer sind vom gleichen Schlage. „If you attack him, he’ll punch you back ten times harder“, sagte ja auch Trumps Gattin neulich auf einem sehr peinlichen, fremdschämenden Interview. Tolle Qualitäten für einen Politiker, by the way. Nix Diplomatie, auf die Fresse, man, wenn du mir dumm kommst! Sehr liebenswert. Und so vertrauenswürdig. Wenn Trump wirklich Präsident wird, besorg‘ ich mir das Ticket zum Mars. Ich krieg‘ eins, ich hab‘ gute Argumente. Zurück zu Erdogan, dem Übervater. So sehe ich das. Väterlichkeit als mediale Inszenierung. Auch das kann man mögen oder nicht, diese unantastbare, unfehlbare Väterlichkeit, wie sie vor allem „der Osten“ lebt. Ich mag es nicht. Ich finde, Mamas reißen immer viel mehr. Aber auch hier schweife ich ab. Wichtig wäre nun also, dass all die, die Erdogan völlig vorbehaltlos vertreten, eben weil sie ihn als Vaterfigur auffassen, mal von diesem Unfehlbarkeitsdogma abrücken. Auch Väter können verfehlen! Mir schwillt der Kamm – und dabei bin ich gar kein Mann oder gar ein Hahn (aber vielleicht werde ich im nächsten Leben einer, lebt sich gut als Chef auf dem Misthaufen, easy, hab‘ ich vorgestern gemerkt, im Wildpark) –, wenn ich lese, höre, sehe, wie dieser Vater ganz systematisch jedwede auch nur ansätzliche Kritik und Ausflucht aus seiner Großmacht-, aber vor allem Egophantasie mit harter Hand unterdrückt. Das ist nicht richtig und hier gibt es nichts zu diskutieren. Und eben weil DAS so ist, weil es da so schwerwiegende Fehler Erdogans gibt, gerade deswegen macht es mich so wütend, dass Böhmermann nun so einen Ärger am Hals hat, sich ggf. einen Prozess gefallen lassen muss und unter Polizeischutz steht – wo der doch nichts anderes getan hat als von einem ganz grundsätzlichen Recht Gebrauch zu machen, für das die (europäische, westliche) Gesellschaft so lange gekämpft hat.

Dienstag, 29. März 2016

"You are nothing special!"

– dieser Satz einer, ich glaube, amerikanischen Journalistin hat ja vor einiger Zeit für einigermaßen Furore gesorgt. Wenn es mich weiterhin nicht täuscht, dann war er gerichtet an Jugendliche unserer Zeit. Für wen nun auch immer aber verfasst, ich mag den Satz. It speaks the truth. Nimm dich mal nicht so wichtig, das würde ich auch gerne öfter mal sagen, zu anderen, zu mir. Sage ich auch. Aber die Anderen sollten ihn auch sich selbst, ja, mantraartig sagen. Nicht immer, nicht in jeder Situation, aber so allgemeinhin. Gute Sache. „I’m nothing special.“ Das klärt den Geist.

Man möge mich nicht falsch verstehen. Keinesfalls und niemals möchte ich an der Würde meines Gegenübers tasten. Kein Mensch, der Armut, Hunger, Unterdrückung, Verfolgung, Folter, Tod und andere abscheuliche Gräuel aus den Tiefen der menschlichen Seele erleidet, soll sich selbst und seinem Peiniger noch die andere Wange hinhalten und „I’m nothing special!“ rufen. Ich meine mehr den Alltag.

Ich neige ja auch dazu, meine Interessen und Befindlichkeiten als Maßstab anzusetzen. Allein der Satz „Ich würde das (niemals) machen!“ ist im Grunde ein Fehler. Nicole  mensura non est. Punkt. Und trotzdem tue ich es immer wieder. Und bin dann unglücklich, weil andere das nicht so sehen, denn die Stelle der mithin wichtigsten Person der Welt oder doch zumindest der innerhalb eines Radius von 200km, die haben ja schon sie selbst besetzt. Es kann nun aber nicht zwei Sonnen geben, um die das Universum kreist. Zumindest nicht in dem Universum, das wir bisher kennen.

Ich schweife ab. Also, was meine ich? Ich meine Leute, die es eilig haben. Die in der Apotheke anderen Kunden sagen, sie sollen die Augen offenhalten und an die freigewordenen Schalter treten – weil sie, also die sprechende, sich wichtignehmende Person, einen Arzttermin habe. Ich meine die Leute, die in einem Wohngebiet mit 70, 80 Sachen an kleinen Kindern vorbeirauschen und nicht links und nicht rechts schauen. Ich meine Schüler, die klagen, wie anstrengend doch all der Unterricht und wie unfassbar schwierig die Klausuren seien. Ich meine Leute, die ständig über ihren Job klagen. Ich meine – ja, uns alle, und zwar in den Momenten, in denen wir nicht reflektieren, ob und in welchem Maße wir vielleicht selbst für diese unangenehme Situation, in der wir uns befinden, verantwortlich sind. Die Frau in der Apotheke hätte zeitiger losgehen können oder den Besuch in der Apotheke hinter den Arzttermin packen. Oder sie hätte einfach höflich fragen können, ob jemand sie vorlässt, es sei dringend etc. Die Raser im Wohngebiet könnten sich überlegen, dass man im Schnitt nie wirklich viel Zeit gewinnt durch überhöhtes Tempo, vor allem nicht innerstädtisch, wo sowieso dauernd Ampeln kommen. Schüler könnten sich im Zeitmanagement und der Prioritätensetzung üben und sich außerdem immer mal wieder überlegen, dass von nichts nichts kommt. Die Jobklagenden: Vielleicht wäre es sinnvoll, die Firma zu wechseln. Sowas geht, auch wenn es schwierig ist. Es geht überhaupt alles, was man wirklich will. Davon bin ich fest überzeugt.

Und in der Zwischenzeit macht man eben seinen „fucking job“ und erfüllt seine Plichten. Nicht alles muss Spaß machen. Und für die richtig geilen Sachen muss man eben meist auch etwas mehr mitbringen als die bloße Existenz. Mit der Zusatzqualifikation „hat immer Spaß im Leben“ ist nicht mal Gott in die Welt gekommen. Deshalb also bitte mehr „I’m nothing special“, und zwar im Sinne der Pflichterfüllung (freilich: niemand darf über die Maßen verpflichtet werden, auch das ist ein alter Grundsatz und ein Moment, in dem es jedem sehr wohl steht, den Mund aufzumachen) gemäß Vorgaben und Verträgen, die man bereit war einzugehen, im Sinne des Reflektierens: „Inwiefern bin ich in der Verantwortung?“ und dem daraus folgenden Überlegen, wie sich die bemängelte Situation verbessern lässt, Reflektieren aber auch in der Art, dass es Situationen gibt, die sich nun mal nicht mehr ändern lassen – und dass darunter aber niemals ein anderer einen Nachteil zu erdulden oder anderswie zu leiden haben darf. Das meine ich mit „You are nothing special!“.

Freitag, 25. März 2016

Nach Brüssel...

... bin ich wieder mal ins Denken geraten. Das mag nutz-, weil fruchtlos sein. Aber lassen kann ich’s auch nicht. Gedacht habe ich also, und das mit jedem neuen Mal mehr, dass ich Religion für Teufelszeug halte. Nicht unbedingt für das marx’sche Opium fürs Volk, auch, aber erst in zweiter, dritter Linie. In erster glaube ich immer mehr, dass Religion, zumindest die monotheistischen und wahrscheinlich auch die Vielgötterei der Hindus, soweit ich das durchblicke, ein Machtinstrument in den Händen frustrierter, sich gering fühlender, nach Macht strebender Individuen geworden ist.
Ich war mal bei einem Baptistengottesdienst dabei, einfach so, weil ich wissen wollte, was das da so abläuft. Kann nicht sagen, dass ich gestaunt hätte. Schon gar nicht, dass ich berückt worden wäre von Gottes Anwesenheit. Ich glaube vielmehr, Gott war so weit weg, wie er nur weg sein konnte. Möchte kein Ketzer sein – oder doch, ja, irgendwie schon –, aber selten, wirklich selten habe ich mich in einer vergleichbaren Situation befunden, nämlich der, dass mich der Ekel gepackt hat. Dass ich gerne geschrien und getobt hätte angesichts der Gehirnwäsche, die dort vonstattengeht. Ich glaube, wenn man in eine solche Gemeinschaft hineingeboren wird, dann hat man nur zwei Möglichkeiten: Akzeptieren und unhinterfragt annehmen, was geschieht. Sonst wird man unglücklich, sein Leben lang. Oder man rebelliert und bricht die Brücken hinter sich ab. Was auch auf lange Sicht unglücklich macht, aber die Chance bietet auf ein freies, undiktiertes Leben am Ende des Unglücklichseins.
Nie werde ich den Priester vergessen, der vorne am Rednerpult stand wie Adolf und auch genauso redete (er verfolgt mich). Entsetzlich. Letztinstanzlich verurteilend. Und seine Gemeinde, die an keiner einzigen Stelle lächelte oder gar gelacht hätte – aber hey, hier wurde Jesus gepriesen und sein Opfer, das er der von ihm und seinem Vater so geliebten Welt und Menschheit darbringen wollte! Und dann sitzen sie alle da mit versteinerten Mienen und murmeln mehr denn singen die Texte der Lieder mit, die sie schon 1328x gesungen haben und auswendig können, dumpf, auf den Boden starrend, wie Autisten nach vorne und hinten wippend. Im besten Falle könnte man Ekstase unterstellen. Dank an Jesus durch Demut oder so. Ich kann nicht sagen, wie antiquiert ich dieses Weltbild finde. Viel eher glaube ich aber, dass alle einfach Schiss vor diesem Priester hatten.
Was mich daran erinnert, dass ich im Vorfeld meiner Kommunion, da war ich also so ca. neun Jahre alt, beichten MUSSTE. Musste. Das gehöre dazu, wurde uns erklärt vom Kirchengemeinderat, der uns auf die Kommunion vorbereitete (und immer extrem nach Urin stank). Ein Katholik müsse regelmäßig zur Beichte gehen. Blöd war ja nur, dass die kleine Nicole außer den üblichen Kinderfrechheiten Mama gegenüber nichts zu beichten hatte. Und deswegen nach genau dieser Beichte, die unendlich viel Überwindung und Kraft gekostet hatte – ich habe mich gefühlt, als würde ich gleich auf dem Altar geschlachtet –, auch sofort aufsprang und aus dem Beichtstuhl rannte. Aus der Kirche flüchtete. Es war eine Flucht, und sie war mit vielen Tränen verbunden. Die Firmung mit 14 habe ich noch mitgemacht, weil ich ja immer dachte, ich wolle mal in Weiß heiraten (inzwischen weiß ich es besser: bloß nicht heiraten und schon gar nicht in Weiß!), mich bis dahin mit Hängen und Würgen sehr unregelmäßig sonntags in die Kirche geschleppt, zum Ministrieren. Weil ich da so unzuverlässig war, wurde ich vom Pfarrer selbst mit ernster Miene aus der Gruppe der Ministranten exkludiert. Ich war froh darum. Anscheinend hatte meine Emanzipation vom katholischen Glauben da schon angefangen.
Der Freund, der in der Baptistengemeinde groß geworden ist, hat erzählt, regelmäßig seien auch Exorzitien durchgeführt worden. Früher mehr, heute weniger. Was ist das denn für eine krasse Scheiße? Exorzitien?! Und eine vom Teufel Besessene habe in ihrem Wahn Michael Jackson in der Hölle tanzen sehen. Michael Jackson. In der Hölle. Man kann auch immer nur das geistig verarbeiten, was man kennt, meine ich. Und den in die Hölle schicken, den man nicht mag. Ob sie auch ihren Gemeindepfarrer in der Hölle hätte sehen können? Da würde ich ihn nämlich sehen, auch bei Kaffee und Sonnenschein, während wir auf der Parkbank saßen, klaren Verstandes, wie ich sagen würde. Der Freund hat gelacht. Vermutlich nicht. Den mag sie ja.
Apropos Hölle. Ich neige ja zur Wiederholung, aber ich sag’s trotzdem nochmal: Gott will nicht töten. Er KANN das nicht wollen. Gott MUSS lieben. Sonst wäre es nicht Gott. Sonst wäre es ein Mensch. Und damit schließt sich der Kreis, wenn ich anschaue, was da in Brüssel passiert ist. Und noch öfter passieren wird, an anderen Orten. Diese vermeintlichen Märtyrer, die glauben mit Sicherheit, dass sie für eine höhere Sache sterben. Sie vergessen, auf welcher Grundlage sie angefangen haben. Nämlich aus dem offensichtlich profunden Gefühl heraus, nicht willkommen zu sein, nicht dazuzugehören. Sie haben ihre vermeintliche oder tatsächliche Isolierung zum Stigma erhoben, sich selbst zu etwa Höherem geweiht. Und das alles aus Frust heraus. Sie sterben, weil sie frustriert sind. Weil sie einmal in ihrem Leben bedeutungsvoll sein und Bedeutungsvolles tun wollen. Für die anderen Isolierten, gegen die große Mehrheit der vermeintlichen oder tatsächlichen Ignoranten und Mobber. Und dann scheiden sie also aus dem Leben, zerren andere mit in den Tod, die mit ihrem persönlichen Frust nun rein gar nichts zu tun haben, hinterlassen Trümmer und Fassungslosigkeit bei den Überbliebenen. Und meinten wirklich, sie könnten Gott huldigen, indem sie frustriert, gramgebeugt, ohne einmal zu lächeln, zerfetzt und zerlumpt, im Schlepptau eine Horde vor Schmerzen Stöhnender, die sich völlig fehl am Platze fühlen und es auch sind, meinten also, so vor ihn treten zu können, vor ihn, der sie geschaffen haben soll, weil er sie und das Leben liebt? Ernsthaft?! Religion kann und muss nichts Rationales haben, aber dass sie so unlogisch ist, das akzeptiere ich nicht.
Ich glaube, ich habe gute Gründe, kritisch zu sein. Das Negative wiegt überdies schwerer, alte Psychologenweisheit. Es wird schwer, mich wieder zu Religion zu bringen. Das Obige ist nicht alles, was ich so erlebt und gedacht habe. Es ist ein Anfang eines Gedankenprozesses. Weg von Religion. Hin zu Ethik. Ich unterrichte nicht gern Ethik, weil sie anstrengend und fordernd ist. Aber immer deutlicher zeichnet sich für mich ab, dass sie der Königsweg zur Religion sein muss, wenn man die beiden denn dringend verknüpfen will. Nicht umgekehrt.

Dienstag, 1. März 2016

So, da(s) bin ich…






Zuerst wollte ich meinen Blog ja „Frau Krenzer bloggt“ nennen, aber dann dachte ich, dass dieses „Frau Krenzer“ erstens zu weit von mir weg ist, zumindest von dem, was ich über mich sagen möchte, und andererseits, mal ausgehend von meiner potentiellen Leserschaft, dass „Frau Krenzer“ ja nun nicht alles ist. Ich bin gerne „Frau Krenzer“, aber eben nicht nur. Ich könnte auch gut ohne, aber dazu vielleicht später mehr.
„Nicole bloggt“ ist auch deswegen gut, weil „bloggt“ wie „blockt“ klingt („Oho! Wäre ich ja nie drauf gekommen!") und das zu „Nicole“ passt. Nicole blockt tatsächlich viel. Ich definiere mich viel mehr über das, was ich nicht mag, als über das, was ich mag. Gleichwohl kann es anstrengend sein, mit mir in die Stadt zu gehen, weil ich ungefähr alle zwei Minuten sage: „Schau mal, das ist toll!“ oder „Oh, wie schön!“ o.ä., oft noch kombiniert mit „Das will ich haben!“. Ich bin überhaupt das material girl, auch wenn ich ganz entschieden die sogenannten innere Werte auf den Platz fordere. Nehmt mir alles weg, was ich so angehäuft habe, ich könnte auch im Kartoffelsack zufrieden sein. Trotzdem finde ich die zertifiziert ökologisch und fair produzierte Leinenhose für 160€ extrem geil und werde sie vor dem Sommer noch kaufen und Mama über den Preis anlügen.
Ich lebe im Spannungsfeld der Extreme. Ständig suche ich nach Ausgleich, ebenso ständig provoziere ich extreme Reaktionen, bei mir und bei anderen, z.T. bewusst. Keine Ahnung, warum. Ein bisschen macht es mir auch Spaß. Wahrscheinlicher suche ich aber nach Wahrheit und strebe nach Erkenntnis (ja! Ehrlich!) (hysteron proteron, um mal wieder Stilmittel zu üben, die ich ständig vergesse, aber unterrichten muss… „Frau Krenzer“ lässt grüßen.), die überhaupt ja nur in der Schnittmenge aller Meinungen durchschimmern kann. Ich halte es da mit Sokrates. Generell finde ich, dass die alten Griechen und Römer schlauer waren als wir heute. Immer mehr bevorzuge ich das begrenzte, überschaubare Leben in kleinen Einheiten wie das der antiken Polis; die unbegrenzten Möglichkeiten, die sich uns Heutigen aufdrängen, widern mich zunehmend an. Ich kann sie genießen und ich bin auch froh, heute hier und jetzt zu leben, auch und vor allem als Frau, aber Entschleunigung, um ein populär gewordenes Wort zu benutzen, täte uns allen gut, glaube ich. Zurück aufs Dorf, ohne dass ich da jemals wieder hinzöge. Da sind sie vielleicht, die Extreme. Ich hab’s auch schon mit Yoga versucht, Balance und so, aber als mein Nebenmann im Kurs furzte, war’s um mich geschehen. Lachanfall erster Güte. Musste gehen, hab‘ die Meditation der anderen gestört.
Die alten Weisen haben mich geprägt. Es gibt meiner Meinung nach nichts Erhabeneres als das Gedankengut der Stoa. Die, die mich „Frau Krenzer“ nennen, werden jetzt mit den Augen rollen. Egal, da müsst ihr durch. Genauso, wie jeder, der mich kennt, „Frau Freitag“ kennt. Mein Alter Ego, möchte ich fast sagen. Monika Rinck muss man auch kennen, nicht zwangsläufig in der Verbindung mit mir, aber ihre erstaunliche Sprachgewalt sollte einen viel größeren Radius erreichen. Aber seltsam war sie schon, als ich sie live gesehen habe. Profunde Denkerin, grandiose Sprachkünstlerin. Ich unterstelle ihr depressive Phasen. Bestimmt hat sie keinen Mann, aber drei Katzen, die sie hingebungsvoll mit ihrer Mama zusammen pflegt.
Das ist kein Vorwurf. Sehr wahrscheinlich ist das auch meine Zukunft. Ich bedaure das nicht, gibt echt Schlimmeres. Solange da Freunde und Bekannte sind, ist alles safe. Auch die depressiven Phasen. Manchmal rutsche ich ins Nihilistische ab: Was für einen Sinn hat das alles? Und rein, wie ich meine, rational gesehen, hat es wirklich keinen. Klar, jetzt kann ich sagen: „Das Leben hat den Sinn, den du ihm gibst.“ So arg kluge, ich möchte sagen, amerikanische Sprüche finde ich ja prinzipiell doof (genau wie Selfies mit so Sprüchlein dabei – gääähn), aber natürlich stimmt das. Wüsste trotzdem keinen Lebenssinn anzugeben, wenn ich mich jetzt dazu zwänge. Aber egal. Macht mir nix aus. Wenn die Sonne scheint und ich den Bauch voll habe, ist das Leben eh leichter.
Einmal möchte ich ins Kloster gehen, ins Schweigekloster, so eine Woche. Habe Angst vor den gut vergrabenen und verdrängten Gefühlen und Gedanken, die dann aufkommen, hoffe aber auf Katharsis. Wie in so einer griechischen Tragödie. Antigone ist übrigens auch ziemlich geil. (Die Alten, jaja. Alternativ wäre ich auch ein gutes Modell für Rubens gewesen. Schade, dass man nicht in den Zeiten hin- und herspringen kann. Zeitreisen, das wäre was. Ich würde auch in das 15./16. Jahrhundert wollen, Zeit des Aufbruchs, wie genial muss das gewesen sein! Alternativ wäre ich auch damit zufrieden, ein Vogel zu sein. Aber ein etwas größerer, vielleicht eine Krähe, die glänzen so schön.) Und den Jakobsweg will ich gehen, aber das muss richtig gut geplant sein und dafür hatte ich noch nicht den endgültig entscheidenden, großen Drang. Ein eigenes Café steht auch auf der Agenda fürs Leben, da hab‘ ich neulich nach Ladenflächen geguckt, aber es gab nix, was ich für geeignet hielt.
Planen ist sowieso ganz wichtig. Spontaneität konnte mich noch nie wirklich überzeugen. Bin umgekehrt zwar noch nie wirklich auf die Schnauze geflogen, wenn ich spontan war, aber Pläne finde ich beruhigend. Man muss es ja nicht auf die Spitze treiben und für die nächsten sechs Monate wissen, an welchem Wochenende man welchen Freund besucht, aber so einen roten Faden für die Wochenplanung, das mag ich. Aber dann bitte nichts Unvorhergesehenes, ja? Danke.
Ich benutze oft dieselben Floskeln, vor allem „wie gesagt“. Ich hoffe, das fällt nicht so auf.
Wenn ich wütend bin, werde ich sehr aggressiv. Der Dritte Weltkrieg kann da jederzeit ganz schnell aus dem Hut gezaubert werden, die Urkunde liegt stets fertig unterzeichnet da. Dasselbe gilt, wenn ich Hunger habe. Gebt mir Essen und ich bin lieb zu euch. Vom Kaffee bin ich ein bisschen abgekommen, aber eine Tasse am Tag muss sein, weil sonst Kopfschmerzen aus der Hölle. Bin, by the way, auch Migränepatient. Kommt vom Denken und ewigen Anstoß nehmen, sage ich mir immer, genau wie die Tatsache, dass mich im wahrsten Sinne des Wortes alles juckt. Meine Haut ist ein Spiegel meiner Seele und meines Kopfes. Wenn ich irgendwann mal das Gefühl habe, alleine nicht mehr klarzukommen und mich in meiner Welt verstrickt zu haben, dann werde ich zum Psychiater gehen. Ich weiß schon, wo. Der Heilpraktiker hat nur marginal geholfen.
Seit Jahr und Tag hadere ich mit meinem Körper. „It’s the greatest instrument you’ll ever own“, ich weiß das, aber entsprechend gepflegt habe ich ihn nie. Dafür immer mit ihm geschimpft. Ich versuche gerade, dieses Verhältnis ins Positive zu wenden, wir reden mehr miteinander, mein Körper und ich, aber wir sind weit davon entfernt, Freunde zu sein. Das wird noch lange dauern.
Ich liebe es, wenn andere sich, für meine Augen und Ohren, schön ausdrücken. Ich bin nie neidisch (bin ich sowieso nie, was ich für einen großen Segen halte; ich kann auch immer gut schlafen, egal, was ist, was ich als den noch größeren Segen empfinde), ich würde dann nur auch gerne so können. Das Wort ist mir ohnehin das Wichtigste. Aber Schweigen ist auch super, siehe oben. Zum Glück konnte ich immer so denken und fühlen, dass alles, was mir widerfährt, einen Sinn hat. Ich bin kein Zweckoptimist, ich bin Optimist. Passt schon, alles. Ich frage mich immer, warum jemand etwas Bestimmtes tut, aber ich habe mich noch nie ernsthaft gefragt, warum mir eine Sache widerfahren ist. Und wenn doch, dann, muss ich zugeben, wollte ich meine Emotionen ausreizen. Gucken, was geht. Wie tief kann ich absteigen in meine Verzweiflung? Zum Glück nicht allzu tief. Man darf mich oberflächlich nennen, ich fühle mich vom Schicksal geküsst. Ich leide nicht am Leben, das ist gut.
Rasend machen mir immer nur andere Menschen. An denen beiße ich mir regelmäßig die Zähne aus. „Bist du bescheuert?“, wird eine immer öfter und immer lauter gestellte Frage meinerseits. Die Ursachen und Anlässe können unterschiedlichster Art sein; zusammengefasst würde ich sagen: Ignoranz. Und darunter subsumiert Egoismus und Bequemlichkeit. Da blockt Nicoles Geist, das kann er nicht begreifen. Man muss sich nicht jederzeit und allerorten für einen anderen aufopfern, aber zwei, drei Gedanken mehr fassen und dann reden bzw. handeln, das wäre schon echt cool. Grüße an den Penner, der neuerdings täglich meine Tiefgaragenzufahrt zuparkt. (Hab‘ schon böse Zettel an die Windschutzscheibe gehängt, aber der Mann zeigt sich renitent. Nicole d’Arc rüstet sich gerade.)
Ich finde es sinnvoll, einen Blog mit dem Versuch einer Selbstvorstellung zu eröffnen. Man muss schließlich wissen, mit wem man es zu tun hat. Und es ist beruhigend, sich gespiegelt zu sehen („Der denkt wie ich! Vielleicht bin ich doch nicht so bekloppt, wie ich befürchtet habe!“. Das fährt runter.). Die Aufstellung lässt sich ergänzen, aber ein erster Eindruck ist geschaffen, denke ich. Was nun noch kommt und wann und wie, das lasse ich mir offen.
Ach ja, Kommentare wären super. Stichwort "Spiegelung" und so.