... bin ich wieder mal ins Denken geraten. Das mag nutz-, weil fruchtlos sein. Aber lassen kann ich’s auch nicht. Gedacht habe ich also, und das mit jedem neuen Mal mehr, dass ich Religion für Teufelszeug halte. Nicht unbedingt für das marx’sche Opium fürs Volk, auch, aber erst in zweiter, dritter Linie. In erster glaube ich immer mehr, dass Religion, zumindest die monotheistischen und wahrscheinlich auch die Vielgötterei der Hindus, soweit ich das durchblicke, ein Machtinstrument in den Händen frustrierter, sich gering fühlender, nach Macht strebender Individuen geworden ist.
Ich war mal bei einem Baptistengottesdienst dabei, einfach so, weil ich wissen wollte, was das da so abläuft. Kann nicht sagen, dass ich gestaunt hätte. Schon gar nicht, dass ich berückt worden wäre von Gottes Anwesenheit. Ich glaube vielmehr, Gott war so weit weg, wie er nur weg sein konnte. Möchte kein Ketzer sein – oder doch, ja, irgendwie schon –, aber selten, wirklich selten habe ich mich in einer vergleichbaren Situation befunden, nämlich der, dass mich der Ekel gepackt hat. Dass ich gerne geschrien und getobt hätte angesichts der Gehirnwäsche, die dort vonstattengeht. Ich glaube, wenn man in eine solche Gemeinschaft hineingeboren wird, dann hat man nur zwei Möglichkeiten: Akzeptieren und unhinterfragt annehmen, was geschieht. Sonst wird man unglücklich, sein Leben lang. Oder man rebelliert und bricht die Brücken hinter sich ab. Was auch auf lange Sicht unglücklich macht, aber die Chance bietet auf ein freies, undiktiertes Leben am Ende des Unglücklichseins.
Nie werde ich den Priester vergessen, der vorne am Rednerpult stand wie Adolf und auch genauso redete (er verfolgt mich). Entsetzlich. Letztinstanzlich verurteilend. Und seine Gemeinde, die an keiner einzigen Stelle lächelte oder gar gelacht hätte – aber hey, hier wurde Jesus gepriesen und sein Opfer, das er der von ihm und seinem Vater so geliebten Welt und Menschheit darbringen wollte! Und dann sitzen sie alle da mit versteinerten Mienen und murmeln mehr denn singen die Texte der Lieder mit, die sie schon 1328x gesungen haben und auswendig können, dumpf, auf den Boden starrend, wie Autisten nach vorne und hinten wippend. Im besten Falle könnte man Ekstase unterstellen. Dank an Jesus durch Demut oder so. Ich kann nicht sagen, wie antiquiert ich dieses Weltbild finde. Viel eher glaube ich aber, dass alle einfach Schiss vor diesem Priester hatten.
Was mich daran erinnert, dass ich im Vorfeld meiner Kommunion, da war ich also so ca. neun Jahre alt, beichten MUSSTE. Musste. Das gehöre dazu, wurde uns erklärt vom Kirchengemeinderat, der uns auf die Kommunion vorbereitete (und immer extrem nach Urin stank). Ein Katholik müsse regelmäßig zur Beichte gehen. Blöd war ja nur, dass die kleine Nicole außer den üblichen Kinderfrechheiten Mama gegenüber nichts zu beichten hatte. Und deswegen nach genau dieser Beichte, die unendlich viel Überwindung und Kraft gekostet hatte – ich habe mich gefühlt, als würde ich gleich auf dem Altar geschlachtet –, auch sofort aufsprang und aus dem Beichtstuhl rannte. Aus der Kirche flüchtete. Es war eine Flucht, und sie war mit vielen Tränen verbunden. Die Firmung mit 14 habe ich noch mitgemacht, weil ich ja immer dachte, ich wolle mal in Weiß heiraten (inzwischen weiß ich es besser: bloß nicht heiraten und schon gar nicht in Weiß!), mich bis dahin mit Hängen und Würgen sehr unregelmäßig sonntags in die Kirche geschleppt, zum Ministrieren. Weil ich da so unzuverlässig war, wurde ich vom Pfarrer selbst mit ernster Miene aus der Gruppe der Ministranten exkludiert. Ich war froh darum. Anscheinend hatte meine Emanzipation vom katholischen Glauben da schon angefangen.
Der Freund, der in der Baptistengemeinde groß geworden ist, hat erzählt, regelmäßig seien auch Exorzitien durchgeführt worden. Früher mehr, heute weniger. Was ist das denn für eine krasse Scheiße? Exorzitien?! Und eine vom Teufel Besessene habe in ihrem Wahn Michael Jackson in der Hölle tanzen sehen. Michael Jackson. In der Hölle. Man kann auch immer nur das geistig verarbeiten, was man kennt, meine ich. Und den in die Hölle schicken, den man nicht mag. Ob sie auch ihren Gemeindepfarrer in der Hölle hätte sehen können? Da würde ich ihn nämlich sehen, auch bei Kaffee und Sonnenschein, während wir auf der Parkbank saßen, klaren Verstandes, wie ich sagen würde. Der Freund hat gelacht. Vermutlich nicht. Den mag sie ja.
Apropos Hölle. Ich neige ja zur Wiederholung, aber ich sag’s trotzdem nochmal: Gott will nicht töten. Er KANN das nicht wollen. Gott MUSS lieben. Sonst wäre es nicht Gott. Sonst wäre es ein Mensch. Und damit schließt sich der Kreis, wenn ich anschaue, was da in Brüssel passiert ist. Und noch öfter passieren wird, an anderen Orten. Diese vermeintlichen Märtyrer, die glauben mit Sicherheit, dass sie für eine höhere Sache sterben. Sie vergessen, auf welcher Grundlage sie angefangen haben. Nämlich aus dem offensichtlich profunden Gefühl heraus, nicht willkommen zu sein, nicht dazuzugehören. Sie haben ihre vermeintliche oder tatsächliche Isolierung zum Stigma erhoben, sich selbst zu etwa Höherem geweiht. Und das alles aus Frust heraus. Sie sterben, weil sie frustriert sind. Weil sie einmal in ihrem Leben bedeutungsvoll sein und Bedeutungsvolles tun wollen. Für die anderen Isolierten, gegen die große Mehrheit der vermeintlichen oder tatsächlichen Ignoranten und Mobber. Und dann scheiden sie also aus dem Leben, zerren andere mit in den Tod, die mit ihrem persönlichen Frust nun rein gar nichts zu tun haben, hinterlassen Trümmer und Fassungslosigkeit bei den Überbliebenen. Und meinten wirklich, sie könnten Gott huldigen, indem sie frustriert, gramgebeugt, ohne einmal zu lächeln, zerfetzt und zerlumpt, im Schlepptau eine Horde vor Schmerzen Stöhnender, die sich völlig fehl am Platze fühlen und es auch sind, meinten also, so vor ihn treten zu können, vor ihn, der sie geschaffen haben soll, weil er sie und das Leben liebt? Ernsthaft?! Religion kann und muss nichts Rationales haben, aber dass sie so unlogisch ist, das akzeptiere ich nicht.
Ich war mal bei einem Baptistengottesdienst dabei, einfach so, weil ich wissen wollte, was das da so abläuft. Kann nicht sagen, dass ich gestaunt hätte. Schon gar nicht, dass ich berückt worden wäre von Gottes Anwesenheit. Ich glaube vielmehr, Gott war so weit weg, wie er nur weg sein konnte. Möchte kein Ketzer sein – oder doch, ja, irgendwie schon –, aber selten, wirklich selten habe ich mich in einer vergleichbaren Situation befunden, nämlich der, dass mich der Ekel gepackt hat. Dass ich gerne geschrien und getobt hätte angesichts der Gehirnwäsche, die dort vonstattengeht. Ich glaube, wenn man in eine solche Gemeinschaft hineingeboren wird, dann hat man nur zwei Möglichkeiten: Akzeptieren und unhinterfragt annehmen, was geschieht. Sonst wird man unglücklich, sein Leben lang. Oder man rebelliert und bricht die Brücken hinter sich ab. Was auch auf lange Sicht unglücklich macht, aber die Chance bietet auf ein freies, undiktiertes Leben am Ende des Unglücklichseins.
Nie werde ich den Priester vergessen, der vorne am Rednerpult stand wie Adolf und auch genauso redete (er verfolgt mich). Entsetzlich. Letztinstanzlich verurteilend. Und seine Gemeinde, die an keiner einzigen Stelle lächelte oder gar gelacht hätte – aber hey, hier wurde Jesus gepriesen und sein Opfer, das er der von ihm und seinem Vater so geliebten Welt und Menschheit darbringen wollte! Und dann sitzen sie alle da mit versteinerten Mienen und murmeln mehr denn singen die Texte der Lieder mit, die sie schon 1328x gesungen haben und auswendig können, dumpf, auf den Boden starrend, wie Autisten nach vorne und hinten wippend. Im besten Falle könnte man Ekstase unterstellen. Dank an Jesus durch Demut oder so. Ich kann nicht sagen, wie antiquiert ich dieses Weltbild finde. Viel eher glaube ich aber, dass alle einfach Schiss vor diesem Priester hatten.
Was mich daran erinnert, dass ich im Vorfeld meiner Kommunion, da war ich also so ca. neun Jahre alt, beichten MUSSTE. Musste. Das gehöre dazu, wurde uns erklärt vom Kirchengemeinderat, der uns auf die Kommunion vorbereitete (und immer extrem nach Urin stank). Ein Katholik müsse regelmäßig zur Beichte gehen. Blöd war ja nur, dass die kleine Nicole außer den üblichen Kinderfrechheiten Mama gegenüber nichts zu beichten hatte. Und deswegen nach genau dieser Beichte, die unendlich viel Überwindung und Kraft gekostet hatte – ich habe mich gefühlt, als würde ich gleich auf dem Altar geschlachtet –, auch sofort aufsprang und aus dem Beichtstuhl rannte. Aus der Kirche flüchtete. Es war eine Flucht, und sie war mit vielen Tränen verbunden. Die Firmung mit 14 habe ich noch mitgemacht, weil ich ja immer dachte, ich wolle mal in Weiß heiraten (inzwischen weiß ich es besser: bloß nicht heiraten und schon gar nicht in Weiß!), mich bis dahin mit Hängen und Würgen sehr unregelmäßig sonntags in die Kirche geschleppt, zum Ministrieren. Weil ich da so unzuverlässig war, wurde ich vom Pfarrer selbst mit ernster Miene aus der Gruppe der Ministranten exkludiert. Ich war froh darum. Anscheinend hatte meine Emanzipation vom katholischen Glauben da schon angefangen.
Der Freund, der in der Baptistengemeinde groß geworden ist, hat erzählt, regelmäßig seien auch Exorzitien durchgeführt worden. Früher mehr, heute weniger. Was ist das denn für eine krasse Scheiße? Exorzitien?! Und eine vom Teufel Besessene habe in ihrem Wahn Michael Jackson in der Hölle tanzen sehen. Michael Jackson. In der Hölle. Man kann auch immer nur das geistig verarbeiten, was man kennt, meine ich. Und den in die Hölle schicken, den man nicht mag. Ob sie auch ihren Gemeindepfarrer in der Hölle hätte sehen können? Da würde ich ihn nämlich sehen, auch bei Kaffee und Sonnenschein, während wir auf der Parkbank saßen, klaren Verstandes, wie ich sagen würde. Der Freund hat gelacht. Vermutlich nicht. Den mag sie ja.
Apropos Hölle. Ich neige ja zur Wiederholung, aber ich sag’s trotzdem nochmal: Gott will nicht töten. Er KANN das nicht wollen. Gott MUSS lieben. Sonst wäre es nicht Gott. Sonst wäre es ein Mensch. Und damit schließt sich der Kreis, wenn ich anschaue, was da in Brüssel passiert ist. Und noch öfter passieren wird, an anderen Orten. Diese vermeintlichen Märtyrer, die glauben mit Sicherheit, dass sie für eine höhere Sache sterben. Sie vergessen, auf welcher Grundlage sie angefangen haben. Nämlich aus dem offensichtlich profunden Gefühl heraus, nicht willkommen zu sein, nicht dazuzugehören. Sie haben ihre vermeintliche oder tatsächliche Isolierung zum Stigma erhoben, sich selbst zu etwa Höherem geweiht. Und das alles aus Frust heraus. Sie sterben, weil sie frustriert sind. Weil sie einmal in ihrem Leben bedeutungsvoll sein und Bedeutungsvolles tun wollen. Für die anderen Isolierten, gegen die große Mehrheit der vermeintlichen oder tatsächlichen Ignoranten und Mobber. Und dann scheiden sie also aus dem Leben, zerren andere mit in den Tod, die mit ihrem persönlichen Frust nun rein gar nichts zu tun haben, hinterlassen Trümmer und Fassungslosigkeit bei den Überbliebenen. Und meinten wirklich, sie könnten Gott huldigen, indem sie frustriert, gramgebeugt, ohne einmal zu lächeln, zerfetzt und zerlumpt, im Schlepptau eine Horde vor Schmerzen Stöhnender, die sich völlig fehl am Platze fühlen und es auch sind, meinten also, so vor ihn treten zu können, vor ihn, der sie geschaffen haben soll, weil er sie und das Leben liebt? Ernsthaft?! Religion kann und muss nichts Rationales haben, aber dass sie so unlogisch ist, das akzeptiere ich nicht.
Ich glaube, ich habe gute Gründe, kritisch zu sein. Das Negative wiegt überdies schwerer, alte Psychologenweisheit. Es wird schwer, mich wieder zu Religion zu bringen. Das Obige ist nicht alles, was ich so erlebt und gedacht habe. Es ist ein Anfang eines Gedankenprozesses. Weg von Religion. Hin zu Ethik. Ich unterrichte nicht gern Ethik, weil sie anstrengend und fordernd ist. Aber immer deutlicher zeichnet sich für mich ab, dass sie der Königsweg zur Religion sein muss, wenn man die beiden denn dringend verknüpfen will. Nicht umgekehrt.
Ich stimme dir in allen Punkten zu und möchte um die folgenden Denkanstöße ergänzen:
AntwortenLöschen1) Ethik IST Religion - nur ohne Gott. Alle ethischen Grundsätze sind in den diversen Religionen verankert. Nur dass sie hier als Worte / Gesetz Gottes angepriesen werden. Wenn nun Ethik ohne Gott funktioniert, stellt sich die Frage, ob Gott überhaupt nötig ist bzw. existiert.
2) Religion ist eine Erfindung der Menschen. Weil sie sich vor allem Unerklärlichen fürchten. Statt anzunehmen und anzuerkennen, dass wir nicht alles ergründen können, ist es offenbar viel leichter, sich eine göttliche Existenz zu erfinden, die allein befähigt ist, sämtliche Antworten zu kennen. Daher darf ja auch sie Gesetze machen und sich anmaßen, ihre Universalgültigkeit unentwegt zu postulieren.
3) So gesehen ist Gott ein menschliches Konstrukt, eine Autorität, die sich der Mensch selbst gibt, weil er ohne Autorität offenbar nicht funktioniert (oder glaubt nicht funktionieren zu können). Dahinter steckt nicht nur der Wunsch nach richtiger Führung, sondern auch der verzweifelte Versuch, das Problem des Getrenntseins zu überwinden. Siehe dazu die Ausführungen von Erich Fromm, Die Kunst des Liebens.
4) Wozu Religion führen kann, ist nicht nur durch diesen Blogg hinlänglich bekannt. Seit sie existiert, durchzieht sie die Geschichte der Menschheit mit Krieg in ihrem Namen. Und / oder ihre starren, antiquierten, autoritären Praktiken verstören Kinder (s.o.), die mit ihnen in Berührung kommen.
5) Conclusio: Ja, Religion IST Teufelswerk. Denn statt dem faustischen Erkenntnisstreben, das auf Fortschrittsdenken und Liebe basiert, postuliert sie seit jeher nur das mephistophelische Prinzip: "Alles, was entsteht, ist Wert, dass es zugrunde geht". Dem aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts sei es daher erlaubt, sich an Kant zu orientieren, seiner Verantwortung als Mündiger gerecht zu werden und ein selbstbestimmtes Leben zu führen.