… ist alles. Diese Erkenntnis
habe ich in den letzten Monaten gewonnen. Ich habe mich sehr genau beobachtet,
wenn ich allein bin, und sehr genau, wenn ich mit Anderen zusammen bin. Ich
habe auch Andere beobachtet. Und nachgefragt. Und die Erkenntnis, die da in
Ahnungen schon ganz lange in mir war, auf verschiedenen, sich überschneidenden
Ebenen auch durchaus präsent, die habe ich nun zusammengeführt. Souveränität. Das
ist der Schlüssel zum persönlichen Glück.
Die Kritiker und „Ja, aber“-Rufer
werden nun sagen, dass das ja super klingt, solange wir keine Opfer von Gewalt
betrachten. Das stimmt. Zumindest mal, wenn man den (meist) physischen Aspekt
betrachtet. Ein Opfer von Gewalt wird Schwierigkeiten haben, sich souverän zu
fühlen. Umgekehrt kann eben diese Souveränität ihm dabei helfen, sich über sein
Schicksal zu erheben. Ich erinnere mich an den Bericht eines Vietnam-Soldaten,
James Stockdale, der, weil er es immer bei sich trug, also auch in
Gefangenschaft in seinem Philosophiebändchen las. Nach seiner Befreiung
berichtete er, dass ihm dieses Buch geholfen habe, Gefangenschaft und Folter zu
überstehen und dass umgekehrt seine Peiniger ihn mehrfach gefragt hätten, wie
er eigentlich so sehr bei sich bleiben könne angesichts all dessen, was ihm
zugefügt werde. Das mag jetzt nach einer netten, aber unglaubwürdigen
Geschichte klingen. Ich denke, es stecken zumindest richtige Ansätze in ihr.
Das Buch, das der Soldat da stets bei sich hatte, war übrigens das „Handbüchlein
der Moral“ von Epiktet.
Mir fallen auch andere Beispiele
ein, in denen sich Opfer über ihr Leid und damit ihre Peiniger erheben. Z.B.
Malala oder auch andere Frauen, die von männlicher und/oder religiöser Gewalt
betroffen waren, sie überstanden und nun öffentlich und – das ist ja das
Frappierende – mit einem in sich ruhenden Lächeln ihren ehemaligen
Folterknechten die Stirn bieten. Oder auch der Franzose Antoine Leiris, dessen
Brief an die Attentäter von Paris nun auch in Buchform Furore macht. Das alles
sind die Extrembeispiele, von denen ich eigentlich nicht spreche, die ihr Los
überwunden und sich in unantastbare Höhen aufgeschwungen haben. Für solche
Menschen empfinden wir Bewunderung, für die, die im wahrsten Sinne unter die
Räder gekommen sind, Trauer oder, je nach Sachlage, auch Verständnis.
Souveränität also. Souveränität
bedeutet für mich qua definitionem Eigenständigkeit, Unabhängigkeit. Ich möchte
eigenständig und unabhängig sein. In meinen Handlungen und meinen Urteilen. Ich
möchte nicht affiziert sein von ungebändigten Emotionen. Ungebändigte Emotionen
verblenden den Geist. Das heißt wiederum nicht, dass ich nichts empfinden will,
das ist kein Wert für mich, aber ich möchte nicht hin- und weggerissen sein von
meinen Leidenschaften. Ich möchte klar denken können, jederzeit, und mich und
meine Umwelt bewusst wahrnehmen. Genau deswegen käme es für mich z.B. auch nie
in Frage, mich bis zur Besinnungslosigkeit zu betrinken. Die Peinlichkeit mich
vor Anderen so gehenzulassen ist das eine. Dass ich nicht die Kontrolle über
meine Handlungen, Worte und Emotionen habe, das viel Gewichtigere.
Mich und meine Umwelt bewusst
wahrzunehmen verlangt auch mich zu positionieren. Das kann man wie Elie Wiesels
„one must always take sides“ interpretieren, das ich unbedingt unterschreiben
möchte, oder auch so, dass ich nicht nur auf mich und meine Bedürfnisse achte.
Ich lebe nicht allein für mich, ich lebe mit Anderen und in der Interaktion mit Anderen, jeder Anflug von Egoismus ist hier per se falsch, denn Egoismus ist im
Umkehrschluss unvernünftig. Vernünftig ist, was gut für das Zusammenleben mit
Anderen ist. Der Mensch ist ein geselliges Wesen. Wer egoistisch handelt,
verrät seine vernünftige Natur. Andersherum spricht nichts dagegen, bei mir zu
sein, meine Mitte zu finden, mich unangetastet zu halten von äußeren Einflüssen,
sofern sie meinem Gewissen widerstreben, und meinen Geist zu öffnen für das,
was gut für mich und dann eben auch alle Anderen ist. Im Idealfall fällt das,
was ich soll und will, das, was ich will und was für Andere ebenso zweckmäßig
ist, sowieso zusammen.
Souveränität bedeutet auch,
Partnerschaften anzustreben und aufzubauen. Ich meine hier sowohl die
Beziehungen zu einem Geliebten als auch die zu Familie und Freunden. In letzter
Zeit hatte ich das Gefühl, dass die meisten Menschen keine Partnerschaften
führen können. Weil sie es gewohnt sind, dass jede menschliche Beziehung das
Machtspiel spielt. Einer führt, einer gehorcht, manchmal auch im Wechsel. Wir
werden so erzogen – ohne dass ich an dieser Stelle eine anarchische,
antiautoritäre Alt-68er- bzw. Neu-2000er-Erziehung propagieren möchte, die in
meinen Augen eben nur neue Generationen von Egoisten und Narzissten produziert,
die eben nie oder doch zu selten die Grenzen anderer Individuen erfahren haben,
denn Souveränität bedeutet eben auch, Grenzen aufzuzeigen und ggf. entschieden
zu verteidigen. Nein, ich meine, dass wir es so erfahren, dass es Unterschiede
gibt zwischen einem selbst und dem Gegenüber und dass man sich hier eine Rolle aneignet,
die man dann spielt. Ich möchte solche Rollenspiele nicht mehr. Ich will keine
Schutzräume mehr verteidigen, Grabenkämpfe führen, bittere Pyrrhussiege
erringen, Territorien erobern und verlieren, mich stets neu beweisen und den
Anderen dominieren oder dominiert werden. Ich möchte auf Augenhöhe agieren. Mit
anderen, souveränen Individuen, die weder abhängig noch bedürftig sind. Der
Satz „Ich brauche dich“, der ist fatal, meine ich. Es gibt wenig Schlimmeres,
was ich zu hören oder zu sagen wüsste. Ich möchte nicht die Verantwortung für
mein Glück in die Hände einer anderen Person legen und ich möchte auch nicht,
dass mich ein Anderer in die Position wirft, für sein Glück verantwortlich zu
sein. Souveränität an dieser Stelle bedeutet auch zu erkennen, dass man stets
nur sich selbst vermag glücklich zu machen. „Ich will dich“ – nach vorhergehender
Reflexion und natürlich nicht aus einer Laune heraus, klar – ist dagegen ein
ganz wunderbares Kompliment, weil dieser Satz die freie Entscheidung eines unabhängigen
Charakters wiedergibt. Wenn ich so etwas hörte, ich würde mich sehr freuen.
Ich glaube inzwischen, dass viel
Unglück, das ich um mich herum sehe, ob das schlechte Laune, Streitereien,
Stress etc. sind, aus eben genannter Abhängigkeit und Unsouveränität
entspringt. Ich glaube das wirklich. Auf der anderen Seite empfinde ich die
Menschen, die eben nicht sagen: „Ich brauche“, sondern „Ich will“ – und sich das
dann eben entschieden und mit der gebotenen, sich ergebenden, zwangsläufigen
Rücksichtnahme aneignen – als die zufriedensten. Schlussendlich kann ich immer
nur aus mir selbst heraus mein Glück schöpfen. Und wer könnte besser wissen,
was gut für mich ist, was ich will, als ich selbst?
Ja, Souveränität ist alles. Definitiv. Welches Gut kann Souveränität noch übersteigen?
AntwortenLöschenSynonym zu Souveränität sind m.E. Selbstbestimmung, Freiheit und Mündigkeit zu gebrauchen. Und da wären wir ja auch schon (wieder einmal) bei Immanuel Kant und der Aufklärung. Nur ein aufgeklärter Geist ist fähig, Souveränität zu begreifen und souverän zu handeln. Allein, was bedarf es zur Aufklärung? Bereitschaft. Die Bereitschaft, mit offenen Augen und Ohren durchs Leben zu schreiten, die Welt mit allen Sinnen wahrzunehmen und das Wahrgenommene zu reflektieren. Unvoreingenommen. Nur getrieben vom Erkenntnisstreben. Und der Erkenntnis erster Regel ist, dass du niemals, auf keinem Gebiet der Welt, alles wissen kannst. Also sieh immer genau hin, höre zu, rieche, schmecke und fühle. Und lerne, begreife, reflektiere. Vertraue auf die Signale, die du wahrnimmst. Denn es sind schon die "richtigen". Wie können es auch die "falschen" sein? Niemand hat das Recht, einem anderen Menschen zu diktieren (Prämisse: Wir reden hier natürlich nur von erwachsenen, mündigen Personen!), was richtig und was falsch zu sein hat. Der souveräne, autonome, selbstbestimmte Mensch bedarf einzig und allein seiner selbst, um glücklich zu sein im Leben, um sich selbst glücklich zu machen. Darum sind jegliche Form von Oktroyierung und Appodiktion die hilflosen und verzweifelten Versuche, unselbständiger, unfreier und darum in höchstem Maße unsouveräner Menschen, dich von ihnen abhängig zu machen, dich an sie zu binden, dich gleichsam zum Sklaven ihrer eigenen eingeschränkten Welt zu machen. Leider kann Aufklärung bzw. die Bereitschaft, sich beständig selbst aufzuklären, nicht erzwungen werden. Darin ist ein jeder Mensch frei. Weil ja schließlich zurecht gilt: Jeder ist seines Glückes Schmied.