Donnerstag, 14. April 2016

Eigentlich...

...sollte ich korrigieren und das mache ich auch gleich, aber im Moment bin ich an den Nachrichten hängengeblieben. Muss ja sagen, dass ich die Böhmermann- jetzt: Affäre völlig unterschätzt habe. Hatte das wohl von Anfang an mitbekommen, mir das Schmähgedicht, um das es nun geht, aber nicht durchgelesen. Muss ich auch nicht. Ich kenne Böhmermanns Satire und ich weiß, dass sie ätzend ist. Das kann man mögen oder auch nicht. Ich z.B. mag es nicht und insofern kann ich verstehen, dass sich ein Mensch, in diesem Falle der türkische Präsident, derart verunglimpft fühlt, dass er auch privat Strafanzeige stellt. Vielleicht würde ich das auch tun, wenn ich eine Person öffentlichen Interesses wäre und ich mich eben auch als Privatfrau bloßgestellt fühlte von so einem Fernsehfuzzi mit hässlichem Bart, wenn ich zu wenig Kaffee getrunken hätte oder meine persönliche Sklavin, äh, Sekretärin ihn einfach wieder mal nicht nach meinem Geschmack zubereitet hätte. Oder wenn mich die Deko meines 50qm großen Büros plötzlich störte und mir schlechte Laune bereitete. Das könnten alles so Gründe sein, warum ich mich entschließen würde, so einem Böhmermann einen richtigen Denkzettel zu verpassen. Das wäre menschlich und ich bin sicher, die zuständigen Gerichte würden dann schon rechtens und richtig entscheiden. Nun gibt es ja aber das Problem, dass nicht ich angegriffen wurde, die ich sicherlich streitbar, aber doch friedliebend, zwar schwerlich kompromissbereit, aber selten offen aggressiv, geschweige denn andere vernichtend bin (also, sag‘ ich jetzt mal so über mich, guten Gewissens). Nein, es wurde eben Erdogan angegriffen – und hier beginnt mein Bauchschmerz. Denn hier haben wir es meines Erachtens mit einem Politiker und Menschen zu tun, der über das gute und vertretbare Maß hinaus die Macht liebt, der keinen Zweifel an seiner Autorität zulassen kann, der Kritik so gar nicht verträgt, der territoriale (und in seiner Logik damit verbundene politische) Großmachtphantasien hegt und seiner Klientel verspricht und auf diesem Wege keine skeptische Betrachtung von außen gebrauchen kann. Ein Donald Trump des Ostens, finde ich, denn diese beiden Männer sind vom gleichen Schlage. „If you attack him, he’ll punch you back ten times harder“, sagte ja auch Trumps Gattin neulich auf einem sehr peinlichen, fremdschämenden Interview. Tolle Qualitäten für einen Politiker, by the way. Nix Diplomatie, auf die Fresse, man, wenn du mir dumm kommst! Sehr liebenswert. Und so vertrauenswürdig. Wenn Trump wirklich Präsident wird, besorg‘ ich mir das Ticket zum Mars. Ich krieg‘ eins, ich hab‘ gute Argumente. Zurück zu Erdogan, dem Übervater. So sehe ich das. Väterlichkeit als mediale Inszenierung. Auch das kann man mögen oder nicht, diese unantastbare, unfehlbare Väterlichkeit, wie sie vor allem „der Osten“ lebt. Ich mag es nicht. Ich finde, Mamas reißen immer viel mehr. Aber auch hier schweife ich ab. Wichtig wäre nun also, dass all die, die Erdogan völlig vorbehaltlos vertreten, eben weil sie ihn als Vaterfigur auffassen, mal von diesem Unfehlbarkeitsdogma abrücken. Auch Väter können verfehlen! Mir schwillt der Kamm – und dabei bin ich gar kein Mann oder gar ein Hahn (aber vielleicht werde ich im nächsten Leben einer, lebt sich gut als Chef auf dem Misthaufen, easy, hab‘ ich vorgestern gemerkt, im Wildpark) –, wenn ich lese, höre, sehe, wie dieser Vater ganz systematisch jedwede auch nur ansätzliche Kritik und Ausflucht aus seiner Großmacht-, aber vor allem Egophantasie mit harter Hand unterdrückt. Das ist nicht richtig und hier gibt es nichts zu diskutieren. Und eben weil DAS so ist, weil es da so schwerwiegende Fehler Erdogans gibt, gerade deswegen macht es mich so wütend, dass Böhmermann nun so einen Ärger am Hals hat, sich ggf. einen Prozess gefallen lassen muss und unter Polizeischutz steht – wo der doch nichts anderes getan hat als von einem ganz grundsätzlichen Recht Gebrauch zu machen, für das die (europäische, westliche) Gesellschaft so lange gekämpft hat.